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Sinnsuche im Reich des Sinnbefreiten

Warum wir gerade an den bildungsresistentesten Promis einen Narren gefressen haben


Hereinspaziert, verehrtes Publikum. Sichern Sie sich die besten Plätze! Der Vorhang auf, Manege frei.


Das Scheinwerferlicht ist auf zwei Gestalten gerichtet. Rechts der weiß geschminkte Clown. Elegant gekleidet – in Samt und Seide. Virtuos spielt er auf seiner Violine. Freundlicher Beifall. Links von ihm der Dumme August. Schon seine rote Knollennase lässt ihn wie einen Säufer aussehen. Kaum in der Lage, geradeaus zu gehen, scheint er Unfälle magisch anzuziehen. Ein Tölpel, dem man im wahren Leben nicht begegnen möchte. Aber das hier ist nicht das wahre Leben. Das hier ist Unterhaltung, Illusion, Entertainment. Also lachen wir über den Dummen August. Mehr noch: Wir lieben ihn. Für sein Unvermögen, seine Fehler und seine Blödheit. Eben weil er ein Trottel ist.


Im Medienzirkus kommt man mit Verstand häufig nicht allzu weit. Intelligenz und Wissen mögen für ein Quantenphysikstudium hilfreich sein. Zum Quotenstar machen sie kaum jemanden. Das Erfolgsrezept lautet: Mehr Influencer, weniger Intellektuelle, lieber B-Promis als Bildungsbürger. Scheinbar talentfrei schwirren sie durch die Medienlandschaft. Ihre untere Durchschnittlichkeit ist ihr Markenzeichen und trotzdem kennen wir sie.


Minor Celebrites, Sternchen, Schmuckdesigner: Man darf sich von den verschiedenen Bezeichnungen nicht in die Irre führen lassen. Hier handelt es sich um ein und dasselbe Berufsfeld. Genauer gesagt um Prominente, deren größte Fähigkeit in ständiger Medienpräsenz liegt. Sie sind bekannt, weil wir uns an sie gewöhnt haben. Psychologen nennen das Phänomen „mere exposure“, was auf Deutsch soviel wie bloßes Ausgesetztsein bedeutet. Je häufiger wir einen Menschen sehen, umso sympathischer erscheint er uns.


Was zählt, ist konsequente Selbstvermarktung. Skandale, Affären und dumme Sprüche sorgen für Schlagzeilen. Und eventuell für einen Auftritt in der Promiausgabe irgendeines Nachmittagsformats.


Ob sich damit Ruhm und Ehre erlangen lassen, darf allerdings bezweifelt werden. Laut Sallust entsteht Ruhm nur aus höchster Tugendhaftigkeit. Als glorreich gelte derjenige, der sich durch vorbildliches Handeln um die Allgemeinheit verdient macht. Kurzum: Sallust versteht darunter die Anerkennung der Besten unter den Menschen. Schnellen Ruhm kann es demnach gar nicht geben. Viertelstundenprominenz aber sehr wohl.


Vielleicht ist es eine Frage des Charismas. Dem Soziologen Max Weber zufolge üben Charismatiker besondere Macht über ihre Mitmenschen aus. Sie beherrschen die anderen, lenken sie und das bar jeder rationalen Legitimation. Fast ein bisschen gruselig, oder? Charismatische Personen lassen sich schnell bestimmen, so der Psychologe Richard Wiseman. Denn Charismatiker erleben nicht nur selbst starke Emotionen, sie wecken diese auch in anderen Menschen. Ohne genau zu wissen, warum, lacht und freut man sich, leidet und weint mit ihnen. Große Gefühle – ein Traum für jeden Reality-TV-Produzenten.


Die bunte Welt der Medien ist ein Dorf mit begrenzter Einwohnerzahl. Und die scheinbaren Dorftrottel sind allzu häufig unsere Lieblinge. „Dass intelligente Menschen sich dumm stellen müssen, um im Fernsehen Erfolg zu haben“, urteilte vor Jahren bereits Ottfried Fischer. Ohne Tiefgang und daher schnell konsumierbar zeigen sich viele TV- und Streaming-Formate. Sie liefern die Illusion eines einfacheren Lebens. Flucht aus dem komplizierten Alltag per Knopfdruck. Bequem lässt es sich vom heimischen Sofa aus über die Dummschwätzer lachen. Ganz so blöd wie sie ist man selbst schließlich doch nicht.


Wir amüsieren uns über die Narren. Historisch betrachtet befinden wir uns damit in bester Gesellschaft. Die Dummen sorgen für Spott und Gelächter. Daran hat sich in der Geschichte des Abendlandes nicht viel geändert. In manchen Dialekten werden noch heute verkümmerte, hohle Früchte als Narren bezeichnet.


Dieses Bild trifft ziemlich genau die Vorstellung, die man im frühen Mittelalter von den tumben Spaßmachern hatte. Der Narr galt als Handlanger des Teufels. Selbstverliebt und gottlos war er das Sinnbild eines seelenlosen, fehlerhaften Menschen. Im Jahr 786 verbot Karl der Große dem Klerus, Narren an den Höfen zu halten. Dabei waren sie eigentlich in die Residenzen geholt worden, um für das Seelenheil der Herrscher zu sorgen. Sie sollten sie an ihre eigene Fehlbarkeit erinnern und sie so zu einem christlichen Leben ermahnen. Ihre Funktion ähnelte der Aufgabe, die jeweils ein Sklave im römischen Reich bei Triumphzügen zu erfüllen hatte. Er stand hinter dem siegreichen Kaiser und flüsterte ihm ins Ohr, dass auch seine Geltung vergänglich sei.


Im Lauf des Mittelalters wuchs das Ansehen der Hofnarren. Sie genossen Narrenfreiheit. Durften Adelige parodieren und Missstände lautstark anprangern. Narren sprechen schließlich die Wahrheit. Dafür brauchte es Talent. Sodass die künstlichen, sich dumm stellenden Narren allmählich die sogenannten natürlichen Narren verdrängten. Die Höfe konkurrierten untereinander, wer den besten Spaßmacher beschäftigte. Narrenausbilder suchten nach möglichst auffälligen Kindern aus der Umgebung, um sie in ihrem Metier zu schulen. Die Idee, Jahrhunderte später Castingshows mit ähnlichem Konzept zu produzieren, lag also nahe.


Früher waren die berufsmäßigen Trottel an ihren Narrenattributen zu erkennen. Mit Karbatsche, Eselsohren oder Schnabelschuhen sind heute jedoch nur die wenigsten von ihnen ausgestattet. Eines ist jedoch gleichgeblieben: Sie halten uns regelmäßig den Narrenspiegel vor. Was gar nicht so dumm ist.


Fiona Pröll

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