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Das letzte Kapitel

Eine kurze Geschichte über Bücher, Kultur und die Angst, beides zu verlieren


Das leise Knacken des Buchrückens, wenn man es zum ersten Mal aufschlägt. Eine mit Füllfederhalter geschriebene Widmung auf der ersten Seite. Der Geruch von frischer Druckerfarbe oder in Ehren gealtertem Papier steigt in die Nase. Die linke Hand umfasst das, was man schon gelesen hat. Die Rechte spürt, wie viel noch kommen wird. Dazu die Möglichkeit, vielleicht doch, nur mal ganz, ganz kurz, vorzublättern, um zu sehen, wer der Täter ist oder ob sich die beiden schließlich bekommen.


Schon der Schriftsteller Horace Walpole erkannte: ‚Auf dem Sofa liegen und einen guten Roman lesen ist ein Vorgeschmack der ewigen Seligkeit.‘


Aus, vorbei, nie wieder? Vor ziemlich genau 15 Jahren, im November 2007, wurde der erste Kindle vorgestellt. Bereit, den Siegeszug der E-Books anzuführen, um die idyllische Welt der Bibliophilen kräftig aufzumischen.


Virtuelle Bücher sollten ihre papierenen Vorfahren ersetzen. Hippe Leseratten des noch jungen Jahrtausends, die nicht mehr blättern, sondern auf ihrem E-Book-Reader scrollen. Und ist ein Schmöker geschafft, kann dank der Speicherkapazität von rund 2.500 Büchern gleich mit dem nächsten der Lesehunger gestillt werden. Die seit 1964 gültige Definition der UNESCO, was ein Buch ausmacht, in den Grundfesten erschüttert. Hatte man in den 60-er-Jahren doch entschieden, nur gedruckte als echte Bücher anzuerkennen.


Der Beginn der schriftlichen Fixierung gilt als einer gravierendsten Einschnitte in der Entwicklung der Menschheit. Lesen und Schreiben sind wichtige Kulturfertigkeiten. Wem beides ein Buch mit sieben Siegeln ist, bleibt bei vielen Informationsprozessen außen vor. Zeitungen, Briefe, Bücher: Seit Jahrhunderten prägt beschriftetes Papier das kulturelle Leben.


Alles begann mit den Papyrusrollen der Ägypter vor 5.000 Jahren. Erst viel später, ab dem ersten Jahrhundert nach Christus, kamen Kodizes auf. Deren Blätter waren in der Mitte zusammengeheftet. Wie die späteren Bücher, nur bestanden ihre Seiten aus Pergament. Das wurde im 14. Jahrhundert durch Papier ersetzt.


1450 folgte der Paradigmenwechsel: Johannes Gutenberg erfindet den Buchdruck. Also zumindest für Europa. In China war bereits im sechsten Jahrhundert der Holztafeldruck entwickelt worden. Dieser entsprach noch nicht ganz dem modernen Verständnis von Buchdruck mit beweglichen Lettern aus Metall. Doch die Koreaner holten das ab dem elften oder zwölften Jahrhundert nach. Ob allerdings im großen Stil oder nur experimentell, ist bis heute nicht eindeutig.


Über Jahrhunderte erfreute sich das gebundene Buch seiner feudalen Stellung als unanfechtbares literarisches Medium. Bis zum Beginn des neuen Millenniums. Zwar ging entgegen anderslautender Befürchtungen im Jahr 2000 nicht die Welt unter, dafür wurde sieben Jahre später mit dem Erscheinen des Kindles das Ende des gebundenen Buches angekündigt.


Panik damals in den Feuilletons. Wir verlieren das größte Kulturgut. Keine schmucken Wälzer mehr. Literatur als Produkt von Bits und Bytes. Nichts mehr zum Anfassen, Festhalten. Nichts mehr schwarz auf weiß. Was soll man jetzt noch getrost nach Hause tragen? Ein Untergang der abendländischen Kultur, wie er im Buche steht.


Originell war der Kulturpessimismus allerdings nicht. Urteile und Prognosen einer Dekadenz des geistigen Lebens gibt es schon ewig. Und da nicht nur Papier, sondern auch ein Blog geduldig ist, soll an dieser Stelle etwas ausgeholt werden.


Bereits in der griechischen Antike war man sich sicher, von nun an würde es mit der Intelligenzija bergab gehen. So erklärte der Dichter Hesiod im siebten Jahrhundert vor Christus in seinem Epos ‚Werke und Tage‘, das goldene Zeitalter sei ein für alle Mal vorbei. Dem konnten Platon und die Hellenisten nur beipflichten.


Nachdem sich das Mittelalter ohnehin als finster präsentiert hatte, erkannten Jahrhunderte später die Aufklärer, dass die Entfremdung der Gesellschaft von der Natur keine gute Idee war. Romantik, Gründerzeit, Fin de Siècle: Wieder stand die befürchtete Apokalypse dank des Kulturverfalls kurz bevor. Friedrich Nietzsche klagte über die ‚Kulturverflachung‘. Ebenso Arthur Schopenhauer, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno.


Der geflügelte Ausdruck vom ‚Untergang des Abendlandes‘ stammt aus dem Titel eines Werks des Philosophen Oswald Spengler, das in zwei Bänden 1918 und 1922 erschien. Für Spengler ist jede Hochkultur ein Organismus. Sie wird geboren, wächst, reift, bis sie in voller Blüte steht, um anschließend abzusterben. Der Theorie zufolge beträgt die Lebenszeit etwa 1.000 Jahre. Als letzte gilt die abendländische Kultur, die sich seit circa 900 entwickelte.


Sie haben nachgerechnet? Stimmt, die ist definitiv vorbei. Laut Spengler ist in der Phase zwischen zwei Hochkulturen jedoch nicht alles verloren. Denn haben wir auch keine Hochkultur, so doch zumindest eine Zivilisation. Und diese zeichnen sich per Definition durch innovative technische Erfindungen aus. 1876 das Telefon, 1886 der Fernsehapparat, 1983 das kommerzielle Handy, 1993 das World Wide Web und 2007 eben der Kindle, der das bereits 1971 entwickelte E-Book auf eine neue Stufe brachte.


Jede Erfindung löste Angst vor dem Untergang des kulturellen Lebens aus. Trotzdem gab es nach jeder noch genug Kultur, um bei der nächsten Neuerung wieder darum zu fürchten.


Bewahrheitet haben sich die Prognosen von vor 15 Jahren ohnehin nicht. 2021 waren gerade einmal 5,7 Prozent der in Deutschland gekauften Bücher E-Books. Noch am stärksten werden sie von der jungen Leserschaft der 14- bis 29-Jährigen genutzt. Einer Bitkom-Umfrage zufolge greift etwas mehr als die Hälfte von ihnen zumindest ab und an zum E-Book. Dabei floriert der Buchmarkt in Deutschland durchaus. 2021 wurden schätzungsweise 9,63 Milliarden Euro umgesetzt – rund 330 Millionen mehr als im Jahr zuvor.


‚Ein Raum ohne Bücher ist ein Körper ohne Seele‘, befand Marcus Tullius Cicero. Tatsächlich verrät kaum etwas so viel über das Wesen eines Menschen wie sein Bücherregal. Sind die Wälzer zerlesen oder nur angeschafft und verstaut worden? Schnell lässt sich der Bibliomane vom Käufer der Literatur am Meter unterschieden. Womit befasst sich der Mensch? Welche Autoren, welche Strömungen, welche Genres haben sein Denken beeinflusst? Wie nüchtern hingegen, das stattdessen auf dem E-Book-Reader abzurufen.


Sollte der Menschheit das nächste Mal der geistige Untergang bevorstehen, empfiehlt es sich, die Zeit bis dahin mit einem guten Buch zu überbrücken. Mit ‚Firmin‘ von Sam Savage zum Beispiel. Der Titelheld, eine Leseratte im wörtlichen Sinn, lebt in einer Buchhandlung. Jede Nacht verschlingt er Werke der Weltliteratur, ebenfalls im wörtlichen Sinn. Für Firmin verschmelzen das Material Buch und inhaltliche Auseinandersetzung.


Vielleicht liegt genau in dieser Qualität der Schmöker ja ihre größte Stärke: Sie sprechen die Sinne an, genau wie Literatur selbst.


Fiona Pröll

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