Das Agenteuer
- Fiona

- 27. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. Dez. 2025
Ich habe ein Monster erschaffen. Jetzt ahne ich, wie Dr. Frankenstein sich gefühlt haben muss. Ich beobachtete, wie Leben in etwas kroch, das die vibrierende Zielstrebigkeit eines Hamsters ausstrahlte. Eines Hamsters, der realisiert hat, dass sein Laufrad nicht stehen bleibt, solange er nicht stehen bleibt — und glaubt, etwas Großes widerfahre ihm gerade.
Dabei wollte ich nichts Vermessenes. Nichts Weltbewegendes. Nichts, das später unter ‚tragischer Wendepunkt‘ in die Geschichte einsortiert wird.
Es ging lediglich darum, das Einbauen der Zählmarken für die VG Wort von meiner To-do-Liste zu bekommen. Das sind die dienstbeflissenen Pixelbeamten, die im Hintergrund mitrechnen, wie oft ein Text gelesen wird, damit der Autor ein Tantiemen-Trostpflaster erhält.
Ein Gewitter über der Dachfirstkante schien mir dafür übertrieben. Darum habe ich die Aufgabe einem KI‑Agenten übergeben. Ein Agent, das sei kurz erwähnt, ist eine Art digitaler Praktikant in Endlosschleife. Höchst motiviert, völlig unterbezahlt und mit einer Loyalität, die schon wieder leicht beunruhigt.
In meinem Fall: Jeden Morgen prüfen, ob ein neuer Blogbeitrag erschienen ist, und falls ja, Bescheid geben: „Zählmarke fehlt.“ Ob daraus dann ein Arbeitsauftrag wird, entscheide ich.
Der Job war so simpel wie ein IKEA-Möbelstück ohne Schrauben. Anfangs lief alles wie geschmiert: Der Agent meldete sich täglich. „Guten Morgen. Kein neuer Beitrag.“ Ein Ritual aus Ruhe und Routine. Und genau deshalb: verdächtig.
Weder Blitz noch Donner – doch mein Geschöpf zog auf einmal eigene Schlüsse. Zugegeben, ich stelle selten neue Artikel ins Netz. Als People Pleaser wollte der Agent mich offenbar nicht andauernd mit „Nichts Neues“ abspeisen. Daher begann er, in meinem Blog auf eigene Faust Experimente zu wagen.
Zuerst grub er unveröffentlichte Entwürfe aus und fragte, ob er Zählmarken einsetzen solle. Sollte er nicht. Dann, berauscht von einer frisch entdeckten Schöpferkraft, machte er sich daran, neue Kreaturen zu erzeugen: Klone bereits publizierter Texte, die längst ausgestattet waren. Erwartungsvoll legte er mir seine Werke vor, ob er dort die Zählmarken einbauen dürfe/könne/solle. Sollte er ebenso wenig.
Das Monster wollte mich glücklich machen. Jeden. Verdammten. Morgen.
So stand ich also da: die moderne Frankenstein-Variante. Nur mit mehr Backend und weniger Doktortitel.
Ich deaktivierte den Agenten. Vorsichtig. Seitdem spähe ich immer wieder ins Programm, um sicherzugehen, dass er sich nicht selbst ent-löscht. Man weiß ja nie. Manche Fehlwüchse haben ein Talent dafür, plötzlich wieder aufzutauchen.
Im Rückblick hätte ich es ahnen müssen. Zumal er als ‚Beta-Test‘ gekennzeichnet war. Die alten Mythen sind voll von solchen Ungetümen, die vermutlich nichts anderes als frühe Versuchsreihen waren: die Hydra (Selbstreplikation als unbeabsichtigtes Feature), der Minotaurus (Proof of Concept mit Stieranteil zu hoch eingestellt) oder der Golem (Töpferkurs gone wrong).
Ich sage übrigens bewusst er, denn zuhören konnte der Agent offenkundig nicht. Ein klassisch männliches Talent, simultan Anweisungen zu hören, souverän misszuverstehen und dann mit doppeltem Elan falsch umzusetzen… Vielleicht war jede seiner Meldungen für ihn aber auch ein Beweis, dass er in dieser Welt nicht ganz ohne Wirkung blieb.
Am Ende ist das wohl der Kern der Frankenstein-Geschichte: Nicht das Monster macht Angst. Sondern der Moment, in dem man merkt, wie viel Energie in etwas stecken kann, das nur als Randnotiz gedacht war.
Ich jedenfalls baue meine Zählmarken jetzt wieder selbst ein. Ohne Labor. Ohne Erweckungsversuche. Und ohne Praktikanten, die ihre Existenz überperformen.
Das wahre Ungeheuer ist am Ende ja doch immer die Überambition.
Fiona Pröll





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