Das Fluchen-Suchen
- Fiona

- vor 15 Stunden
- 2 Min. Lesezeit
Gewisse Wörter funkeln einen an, als wären sie auf Streit aus. Die wollen einfach pöbeln. Vielleicht haben sie heimlich eine Wuttherapie abgebrochen. Und jetzt eine schlechte Zeit, weshalb sie jemanden benötigen, dem sie die Schuld daran geben können… Üble Laune gegossen in Prosodie.
Zum Glück. Denn als Kind wurde ich erfolgreich von Kraftausdrücken abgeschottet – wie ein Panda in einem Hochsicherheitsgehege. Mir war klar, dass Schimpfwörter existierten; dennoch kam mir nie eines unter.
So wie Menschen mit einer Vorliebe für Kapern. Oder Quasare. Oder Anglerfische. Oder entfernte Verwandte, die „bald mal vorbeischauen“. Man weiß, dass es sie gibt. Aber man begegnet ihnen nicht. Sie bleiben Schattenrisse am Horizont der Möglichkeiten.
Nur: Ich wollte welche. Nicht die Quasare, die Wörter. Die mit Knalleffekt. Ich wollte das Gefühl davon, das befreiende „Jetzt reicht’s aber“. Und ein wenig Drama, handhabbar und trotzdem unangebracht.
Da mir niemand half, musste ich mir selbst helfen.
WARNHINWEIS
Achtung: Ab hier wird es verbal ungebremst. Sichern Sie lose Zwischentöne. Nähern Sie sich entgleisenden Anspielungen nur langsam. Es folgt der kontrollierte Einsatz selbst gebauter Vulgärsprache.
Sie lesen weiter? Nun denn: Ich habe „Blechhuhn“ erfunden. Das war mein Wort. Ein je nach Stimmung erstaunlich Wandlungsfähiges, muss ich sagen.
Gegrölt wie ein Brüllaffe auf Espresso: „BLECHHUHN!“ Gezischt wie ein Geheimagent, der gerade seine Deckung verliert: „… Blechhuhn.“ Geflüstert wie ein enttäuschter Bibliothekar, der ein Eselsohr entdeckt: „Blechhuhn.“ Gemurmelt wie eine kopfschüttelnde Bewertung eines Einparkmanövers, das geometrisch nicht vorgesehen war: „Blech…huhn.“
Es funktionierte. Bis es – wie alle großen Erfindungen – an seine Grenzen stieß. Ein Blechhuhn kann viel. Aber nicht alles. Nicht jede Emotion. Nicht jede Eskalation. Nicht jede Pointe.
Und genau da passierte es. Ich entdeckte eine neue Gattung: Wörter, die lieber Schimpfwörter wären. Sie führen ein Doppelleben. Vordergründig brav, im Abgang leicht angetrunken. Als würden sie sich in die Hüfte stemmen: „Na? Willst du mich nicht beleidigend einsetzen? Nur ein kleines bisschen?“
Geigenfeige. Wurstpappe. Flachwurzler. Blindstopfen. Schüttelgurke. Flaschenkürbis. Schachtelhalm. Quarkkäulchen. Zwirnsfaden. Schmorkohl. Zitterpappel. Topflappen. Schrumpfmuffe. Hohlsaum. Knusperflocke. Falzbein.
Alles echte Komposita. Alle völlig unschuldig. Und doch: Sag sie laut, und sie beginnen zu vibrieren wie Balztanz-Pinguine. „Ich könnte über die Stränge schlagen, wenn du willst.“ Ich will meistens.
Fiona Pröll





Kommentare