Der Wolfgang
- Fiona

- vor 13 Minuten
- 2 Min. Lesezeit
Oh, ich war bereit. Bereit für Geflöckel. Ein Pulverbett, das samtig knirscht. Immergrüne Schattensäume. Lichte Atempausen. Hundetauglich bitte. Keine Gassirouten mit Fanbase. Und wenig Steigung – mein Hund wirkt bergauf nicht wanderlustig, sondern grundsätzlich empört.
Tiefschnee, Tannen und tiefentspannte Postkartenromantik mit dem Wauzi. Der perfekte Winterspaziergang. Genau das übergab ich als Wunschliste der KI‑Logik.
Die KI zeigte sich ehrgeizig. Sie lieferte einen Vorschlag… und was für einen.
Alles war da. Der Wald: makellos. Der Schnee: frisch und angenehm gedämpft. Die Tannen: aufgestellt, als hätten sie sich vorher abgesprochen. Die Lichtungen: von einer unaufdringlichen Anmut, die nicht gleich ein Gedicht verlangt. Ein Caspar-David-Friedrich-Moodboard.
Keine Menschen, keine Hunde, keine Gespräche über Flexileinen. Mein Hund zufrieden. Ich zufrieden.
Eine Stille, die fast zu gut war.
Eine Stille mit Absicht.
Dann sah ich sie.
Zweimal.
Weiter oben im Wald: graues Flackern. Kurz, huschend. Wie Gedanken, die sich weigern, vollständig zu werden. Nichts Konkretes. Nichts, worauf man mit dem Finger zeigen möchte. Nichts Dramatisches. Eher ein „hm“.
Mein Hund jedenfalls bildete sich nichts ein. Zum ersten Mal in seinem Leben las er Fährten. Ernsthaft. Konzentriert. Mit einer Hingabe, die ich sonst nur von ihm kenne, wenn irgendwo veganer Fleischsalat im Spiel ist.
Bemerkenswert, weil mein Hund ein Hütehund ist. Er jagt nicht. Die komplette Waldbelegschaft von Eichhörnchen bis Hase hält er für Deko – und Rehe für eine Erfindung von Disney. Nicht sein Zuständigkeitsbereich. Wenn er plötzlich Sherlock spielt, dann nicht wegen eines Dachses oder einer Natter.
Die Erklärung stand wenige Meter weiter auf einem Schild.
„Wolfsgebiet.“
Technisch gesehen hatte die KI nichts falsch gemacht. Ich hatte ihr nicht gesagt, dass ich keine Wölfe möchte. Ich hatte überhaupt keine Gefahren ausgeschlossen. Keine Bärenfallen, keine Geysire, keine mittelalterlichen Wegelagerer. Offenbar gelten Wölfe als authentische Atmosphäre. Natur im Directors Cut.
Kurzer Reality-Check: Wölfe meiden Menschen. Normalerweise. Außer, man hat einen Hund dabei. Den sehen sie als Sozialpartner. Als Kollegen. Oder als Problem.
Ich erwähnte vielleicht schon: Mein Hund mag keine Artgenossen. Er ist eher ein Katzentyp. Kein Hunde-Netzwerker, geschweige denn -Diplomat. Die Sorte: möglichst lange ignorieren, Blickkontakt vermeiden und im Zweifel deutlich genug werden, damit der andere seine Lebensentscheidungen überdenkt.
So stapften wir vor uns hin. Im schönsten Winterwald meines Lebens. Ich, leicht alarmiert. Mein Hund, der Inbegriff von „das klärst du bitte allein“. Unter Großprädatoren, die Hunde für Gesprächspartner halten.
Nach dieser informellen interspezifischen Abstimmung gingen alle ihrer Wege: die Wölfe ins Unsichtbare, mein Hund in die Snacklogistik und ich zurück in die Zivilisation – etwas klüger, aber nicht viel.
Fiona Pröll





Kommentare