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  • AutorenbildFiona

Das Küken fällt nicht weit vom Stamm

Ein Hoch auf die Schellente, den Schritt ins Ungewisse und die Schlauheit der Natur

Nicht jeder Held trägt ein Cape – kleine Schellenten zum Beispiel. Von den flauschigen, glupschäugigen, ein wenig tumb wirkenden Knäulen können wir uns eine ordentliche Scheibe abschneiden. Keine Angst, liebe Vegetarier: im übertragenen Sinn.

Dies hier ist die Geschichte vom hässlichen Entlein. Eines Tages wird es sich allerdings nicht zum schönen Schwan, sondern zur stolzen Schellente mausern.


Und die sind mitten unter uns. Sie leben in der nördlichen Nadelwaldzone: in Nordeuropa, auch Teilen Deutschlands, ebenso in Asien und Nordamerika. Überall dort, wo Koniferen in der Nähe von Gewässern stehen. Für unsere Erzählung wird der Aspekt gleich noch sehr wichtig werden.


Man erkennt ausgewachsene Schellenten an ihren leuchtend gelben Augen. Von den Engländern werden sie Common Goldeneye genannt. Aber die Vögel verbindet mehr als nur ihr Name mit James Bond. Frisch aus dem Ei gepellt zeigen sie sich todesmutig wie nur wenige Geheimagenten; und das ohne jeden Stuntman.


Der Grund liegt in ihrer Kinderstube. Schellenten nisten in Baumstämmen. Dafür nutzen sie alte Schwarzspecht-Höhlen. Die Krux: Diese Voreigentümer mögen es gerne luftig, acht bis zehn Meter über dem Boden.


Nun folgt der Auftritt unserer Protagonisten. Die schwarz-weißen Küken erblicken das Licht der Welt. Ihre ersten Stunden verbringen sie im Nest. Die Entlein kennen nichts anderes und wissen nichts von der Welt. Der Inbegriff von heiler Kindheit. Ist sie doch in den Worten Arthur Schopenhauers „die Zeit der Unschuld und des Glücks, das Paradies auf Erden, das verlorene Eden, auf welches wir, unseren ganzen übrigen Lebensweg hindurch, sehnsüchtig zurückblicken“.


Die Bucephala clangula, so ihr wissenschaftlicher Name, zählt zu den Meerenten. Wasservögel gehören..., richtig, ans Wasser. Darum heißt es für die blutjungen Küken, dem Ruf als Nestflüchter gerecht zu werden.


Das mag manche Eltern angesichts des eigenen Nachwuchses verblüffen. Laut Statista betrug 2018 in Deutschland das Durchschnittsalter beim Auszug aus Hotel Mama bei Männern 24,4 und bei Frauen 22,9 Jahre.


Vertrieben aus dem Garten Eden. Das Schicksal von Adam und Eva lässt sich als biblisches Gleichnis über das Erwachsenwerden lesen. Nachdem die beiden von Baum der Erkenntnis gegessen haben, müssen sie das Paradies verlassen und selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen.


Zurück zum Baum unserer Schellenten-Familie. Sobald alle Küken auf der Welt und ihre Federn getrocknet sind, flattert die Vogelmutter aus der Nisthöhle. So funktioniert Fliegen, sie macht es ihnen vor. Vom Boden aus ruft sie die Kleinen, dass sie nachkommen sollen.


Es gibt Momente im Leben, da muss eine Schellente tun, was eine Schellente tun muss, egal wie winzig sie ist. Ein Schritt ins Leere, ein Sprung vom Zehnmeter. Vertigo. Urvertrauen und Mut sind gefragt. Sie verleihen dem Kampf-Küken Flügel.


Ein Vögelchen nach dem anderen erscheint am Eingang, breitet seine Flügelchen aus und lässt sich fallen. Flieg, Engelchen, flieg!


Adulte Schellenten können fliegen, Schellentenküken nicht. Während die Vogelmutter eine Flügelspannweite von rund 80 Zentimetern aufweist, müssen sich die Nachkommen an dieser Stelle mit Stummeln begnügen. Dynamischer Auftrieb? Fehlanzeige. Es würde jeglicher Physik widersprechen, damit durch die Lüfte zu gleiten.


Der Legende nach fand Isaac Newton das Gravitationsgesetz heraus, da ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Jeder Körper im Universum verfügt über Schwerkraft und zieht dadurch andere Körper an. Wie groß sie ist, hängt von seiner Masse ab. Im direkten Vergleich zwischen Erde und Apfel gewinnt der blaue Planet: Das Obst plumpst zu Boden. Genau wie das Schellentenküken.


Angeblich soll es ja auch den Hummeln egal sein, dass sie laut Aerodynamik nicht fliegen können; sie tun es trotzdem. Ein klarer Fall von Zeitungsente. Das Prinzip, nach dem die kugeligen Insekten in der Luft bleiben, gleicht dem von Hubschraubern. Ihre Flügel rotieren bei jedem Schlag kreisförmig, bis zu 200 mal pro Sekunde. Solch einen Auftrieb dürften sich die kleinen Schellenten höchstens im Wolkenkuckucksheim erträumen.


Es hört sich einfach nach einer dummen Idee an, dass die Küken springen. Haben sie schlichtweg einen Vogel? Oder weiß es die Natur besser?


Nester am Boden locken viele Fressfeinde an. Dieser Gefahr gehen die Schellenten aus dem Weg. Allein die Tatsache, dass sie bis heute fortbestehen, gibt ihnen von Evolutions-Seite Rückenwind.


Und so stürzen sich Generationen von Baby-Schellenten in die Tiefe. Wie die Lemminge. Um die in Skandinavien beheimateten Wühlmäuse ranken sich einige Mythen. Ihre Population unterliegt starken Schwankungen. Kollektiver Selbstmord ist indessen nicht die Ursache dafür. Augenblick: Was zeigt dann der Disney-Film „Weiße Wildnis“ aus den 50er-Jahren? Der Journalist Brian Vallee kam auf die Spur, dass die Nager wohl auf einer schneebedeckten Drehscheibe platziert und aus verschiedenen Winkeln abgefilmt wurden. Damit habe man den Eindruck einer Massenwanderung erzeugt. Schließlich der dramatische Abgang der Tiere. Vallee zufolge sollen die Filmemacher auch hier nachgeholfen haben, indem sie die wenig lebensmüden Darsteller in den Abgrund schubsten.


Die Schellentenküken springen hingegen freiwillig. Dabei strecken sie ihre Flügelstummel aus und spreizen die Schwimmhäute. Man arbeitet mit dem, was man hat. Doch den freien Fall vermag es kaum abzufangen. War der Absturz für Ikarus noch die Folge seines Ungehorsams, ist er für die Entlein unvermeidlich.


Die Lebenserwartung von Schellenten liegt bei etwa 17 Jahren. Was nichts anderes aussagen soll als: In der Regel überstehen die federleichten Küken den Aufprall unbeschadet. Also doch Schellente und nicht Zerschellente.


Glückliche Entlein, deren Familien Moos haben. Der bedeckte Waldboden fängt die Küken einigermaßen sanft auf. Ist er abschüssig, kullern sie noch ein Stück. Ins Nest werden sie, nicht nur aus logistischen Gründen, nie wieder zurückkehren.


Ente


Fiona Pröll

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